Mrz
29
2012

Was Programmierer von Sozialanthropologen lernen können

Lewis H. Morgan

“Like” Button, Eindladungsfunktion auf Plattformen, “Social Objects” und überhaupt die Möglichkeiten, sich narrativ oder auch nur performativ (z.B. in Form von “Like”-Gesten) ausdrücken zu können – was heute so natürlich erscheint, als wäre es schon immer Bestandteil des Internet gewesen, dem wurde zu Beginn, als im Jahr 1993 der Mosaik Browser und kurze Zeit später der Browser Netscape den Weg ins Internet eröffneten, nur wenig Bedeutung beigemessen. Dabei hätte man damals schon von Sozialanthropologen (auch Ethnologen genannt) lernen können.

Betrachten wir uns die Einladungsfunktion auf der Corporate Microblogging Plattform Yammer. Hier ist es nicht mehr der anonyme Administrator aus der IT-Abteilung, mit dem man sich auseinander setzen muss, um in eine Community integriert werden zu können. Einladung? Auf diese Idee ist Mitte der 1990er Jahre  noch niemand gekommen. Das Folgende kennen die meisten noch: Erst einmal in die IT-Abteilung gehen, sich ein Formular vom Helpdesk abholen, das gespickt mit unverständlichen Begriffen ist.

Dann: lange warten müssen, weil vier miteinander klönende IT-Helpdesk-Mitarbeiter mit Kaffeebecher in der Hand sich einfach nicht unterbrechen lassen. Oder umgekehrt: die Aufforderung, sich gefälligst ins Netzwerk einzufinden, kam wie ein unbarmherziger Befehl aus der zuständigen IT Abteilung geschossen – via E-Mail, gefolgt von dem nämlichen Formular, das wir nicht verstehen, weil zu kompliziert.

Wie angenehm sind uns da die neuen Registrierungstechniken: auf vielen Plattformen einfach die Facebook-Daten eingeben und fertig. Und die Einladungsfunktion von Yammer? Nun, diese geht über diese technische Erleichterung über den Umweg Facebook (die allerdings nicht nur ‘Fans’ hat) noch weiter hinaus. Denn wer etwa schon einmal ein Wissensmanagement-Projekt initiiert hat, wird schon vor dem folgenden Problem gestanden haben:

Yammer-Einladungsfunktion

‘Wie zum Teufel bekomme ich die Leute auf die Plattform?’

‘Ganz einfach,’ sagen sich die Yammer-Macher, ‘wir lernen von den Sozialanthropologen etwas über Verwandschaftsbeziehungen und integrieren dies in unsere Plattform.’

Ob sie wirklich die alten Klassiker herangezogen haben, weiß ich nicht. Auf jeden Fall haben sie etwas kreiert, das auf anthropologischen Erkenntnissen beruht: die Berücksichtigung von Beziehungskonstellationen zwischen Verwandten und nahen Bekannten. Denn herausgekommen ist ein Invitation-System innerhalb von Yammer, das es jedem User zunächst einmal ermöglicht, weitere Mitarbeiter in das Netzwerk einzuladen – kein Formular, nur ein Passwort muss sich der Eingeladene einfallen lassen. Und sogar das entfällt, wenn man nelogin benutzt. Das Ergebnis ist ein sehr dynamisches, einem Schneeballsystem ähnelndes Prinzip. Ein Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens, der Yammer dort eingeführt hat, hat mir erzählt, er sei regelrecht erschrocken, dass nach wenigen Tagen die Häfte der Belegschaft dieses Unternehmens mit 170 Mitarbeitern sich in Yammer registriert hatte, wo er selbst doch nur einige wenige seiner nächsten Kollegen eingeladen hatte.

So weit, so gut, aber was genau hat das nun mit Sozialanthropologie zu tun? Nun, wir würden wohl in vielen Fällen auch ein noch so kompliziertes Formular, ein noch so komplexes Registrierungsverfahren von unserem nahestem Kollegen (der vielleicht unser Freund ist, vielleicht aber auch unser Vorgestzter, unser Gönner, etc.) akzeptieren. Je nachdem, wer uns einlädt, würden wir sicher auch an einem Netzwerk teilnehmen, das uns eigentlich nicht sonderlich interessiert. Wieso ist das so? Wir tun dies nicht nur in Fällen, in denen der Einladende unser ‘Freund’ ist, nicht nur, um diesem einen Gefallen zu tun. Eine Einladung kann auch eine Aufforderung sein. Beim Vorgesetzten ist das klar. Aber auch den uns am nahesten stehenden Personen sind wir in irgendeiner Weise verpflichtet. Im Gegensatz zur Reaktion auf das Anliegen eines Unbekannten aus der IT Abteilung fühlen wir uns also womöglich verpflichtet, uns im Netzwerk anzumelden.

Zu solchen Verpflichtungen kommt es aus vielerlei Gründen, die in komplexen Beziehungskonstellationen, die zwischen Verwandten, Freunden und Bekannten und überhaupt in Kleingruppen  bestehen, zu suchen sind. Hier ist nicht der Platz, diese im Einzelnen zu besprechen. Die Erforschung von solchen Konstellationen wie sozialen Positionen (d.h. Status durch Verwandtschaft bzw. Eheschließung), Machtverhältnisse und Pflichten, aber auch Rechte, Vertrauen und daraus resultierende Effizienz, all dies sind Aspekte der Verwandtschaftsbeziehungen, die bereits zu Beginn der Sozialanthroopologie zur Mitte des 19. Jahrhunderts (etwa von Lewis H. Morgan) thematisiert wurden, ihre Blütezeit im frühen 20. Jahrhundert hatte, heute aber weitgehend von der rein quantitativ argumentierenden bzw. von Individuen abstrahierenden Sozialforschung in den Hintergrund gedrängt wurde. Vielleicht erlebt diese Perspektive ja eine Wiederkehr im Zuge der Erforschung der Sozialen Medien.

Und dies nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen. Die sozialanthropologische Lupe, die genaue Beobachtung von Handlungen und von Personen in ihrem Verhältnis zueinander hilft auch praktisch, ein soziales Netzwerk zu verstehen und entsprechende Maßnahmen zu kreieren. Wie praktisch solche Kenntnisse sein können, darauf lassen die wenigen Informationen zu den sozia-funktionalen Hintergründen zur oben beschriebenen Einladungsfunktion schließen. Vielleicht haben die Yammer-Programmierer ja eine ganze Liste von Konstellationen aus der Verwandtschafts- und Kleingruppenforschung erarbeitet. Und Facebook, die Mutter aller Friends-Connection Manipulatoren, hat sicherlich Ethnologen, Soziologen und -linguisten und andere Sozialwissenschaftler in ihren Reihen sitzen.


Quellen:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/bd/Lewishenrymorgan.jpg/200px-Lewishenrymorgan.jpg

http://blog.yammer.com/blog/2009/05/using-yammer-groups-as-email-distribution-lists.html



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