Apr
05
2011

Enterprise Microblogging und Soziale Interaktion (2): Soziale Hinweisreize

Gemeinhin heißt es, dass man mit geschrieben Texten weitaus weniger kommunizieren kann als bei der persönlichen Begegnung. Denn wichtige Informationen sind in Texten nicht enthalten. Das trifft etwa auf den Tonfall zu, sowie auf Gestik und Mimik. Bei Menschen, die sich nicht kennen und dennoch miteinander kommunizieren, spielt auch das Alter, die gesellschaftliche Position (Status) oder die Erscheinungsform (Kleidung) eine Rolle dabei, wie Gesprächsinhalte zu verstehen sind. Die sogenannten sozialen Hinweisreize, also Gestik, Mimik, Alter, Auftritt, fehlen in der Schriftsprache weitgehend – so also auch beim Microblogging. Das heißt aber nicht, dass es keine Hinweisreize gibt.Goldhaber

Jede Kommunikation besteht aus einem Mitteilungs- und einem Beziehungsaspekt. Das bedeutet, dass nicht nur der Inhalt einer Nachricht den Sinn der Nachricht bestimmt, sondern auch, wer kommuniziert und wie kommuniziert wird. Der Satz

Dieser Entwurf ist ganz schön lückenhaft, aber wir werden ihn verwenden.

kann als Aussage sehr unterschiedlich gemeint sein – sowohl vernichtend als auch wohlwollend. Den Buchstaben sieht man das nicht an. Die Tonlage, in welcher der Satz geäußert wurde, würde wichtige Informationen enthalten, so auch beispielsweise, wer ihn äußert (die Chefin oder ein Kollege).

Aber es ist nicht so, dass mit der Schriftsprache solche Informationen überhaupt nicht mitgeteilt werden können. Natürlich sind hier zunächst die Smileys zu nennen. Eher wohlwollend ist dieselbe Bemerkung gemeint, wenn sie Smileys wie die folgenden enthält:

Dieser Entwurf ist ganz schön lückenhaft, :-? aber wir werden ihn verwenden. :-)

Der folgende Form ist dann schon erheblich bedrohlicher:

DIESER ENTWURF IST GANZ SCHÖN LÜCKENHAFT, aber wir werden ihn verwenden.

Soweit also ein kleiner Einblick in das schriftliche Sprachhandeln.

Was sagt ihr zu dem oben dargestellten Bild? Glaubt ihr, solch eine Machtkommunikation ist im Internet nicht möglich? Ihr täuscht euch. Das eben Dargestellte ist nur ein Vorgeschmack dessen, was möglich ist. Dass der Chef einfach so hinter den Schreibtisch tritt, dazu gibt es Äquivalente bei der Online-Kommunikation. Man denke nur mal an jene, die auch am Wochenende E-Mails erhalten und von denen erwartet wird, dass sie noch vor Montag darauf reagieren. INVADE THE TERRITORY OF LOWER-STATUS PERSONNEL, nennt Gerald Goldhaber dieses ‘hinter-den-Schreibtisch-Treten’. Umgemünzt auf die Online-Welt heißt das: den privaten ZeitRAUM besetzen – nämlich das Wochenende.



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Foto aus Goldhaber, G.M.: Organizational Communication, Wm.C. Brown, Dubuque, USA.

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