Jan
31
2011

Enterprise Microblogging und Soziale Interaktion (1): Sprecherwechsel

Irgendwie wird das Soziale bei Social Software noch immer nicht in all seinen Facetten erfasst. Dabei ist das Soziale sowohl für die Organisationsgestaltung sowie auch gleichfalls für das Design ein wesentlicher Aspekt, der eigentlich gut erforscht ist. In loser Folge werde ich in diesem Blog mal einige Erkenntnislücken füllen.

woman and man talking silhouettes

Das Design einer Enterprise Microblogging Anwendung hat erheblichen Einfluss auf die Art und Weise, wie und über welche Inhalte kommuniziert wird. Wieso das? Ganz einfach: Weil es bei der Benutzung von Social Software genauso wie bei der Face-to-face Interaktion ungeschriebene Regeln gibt, die subtil wirken, aber unser Verhalten steuern.

Aus der Interaktionsforschung ist beispielsweise der folgende Regelkomplex bekannt:

1.       Jemand, der gerade spricht, kann einen nachfolgenden Sprecher auswählen.

2.       Tut er das nicht, kann eine andere Person sich als Sprecher auswählen.

3.       Wenn das nicht passiert, kann der gegenwärtige Sprecher weitersprechen.

4.       Wenn das nicht passiert, dann tritt die 2. Regel wieder in Kraft.

Simple Umgangsregeln, die uns mit Schritt und Tritt begleitet und die wir allesamt beherrschen, und sobald jemand dagegen verstößt (z.B. dazwischen plappert), wird es eine (meist nur winzig kleine) Interaktionskrise geben.

facebook3Welche solcher Interaktionsregeln gibt es nun also im Web? Was sind die ungeschriebene Gesetze der Interaktion im Netz? Nehmen wir z.B. die Einladung oder Aufforderung, etwas zu antworten auf das, was ich gesagt (geschrieben) habe. Diese Aufforderung kann von mir als Person stammen („antwortet mir doch bitte!“ oder „was sagt ihr dazu?“). Ob jemand gewillt ist zu reagieren, kann aber auch auf subtile Weise bereits durch das Softwaredesign beinflusst werden.

Wo klappt das besonders gut? Bei Facebook bzw. bei Yammer. Denn hier gibt es eine Thread-Struktur, und direkt darunter die Aufforderung, kurz zu antworten (‚Schreib ein Kommentar‘, vgl. Abbildung). Kein Tastenklick zu viel. Keine überladene Funktion. Reinschreiben – Wegsenden. So ist es richtig. Denn wenn ich mich erst melden muss, erst die Hand in die Höhe strecken muss, um etwas sagen zu dürfen (bzw. hier: mit einem weiteren Tastendruck in ein Menü wechseln muss), dann lasse ich es vielleicht bleiben. Soziale Netzwerke sind Interaktionsnetzwerke. Entsprechend gelten Interaktionsregeln auch hier, wenn auch in abgeänderter Form verglichen mit verbalen Gesprächen.

Auf subtile Weise vorteilhaft dürfte auch die Tatsache wirken, dass zunächst nur eine leere Zeile statt ein gesamtes Schreibfeld angezeigt wird. „Nun los, schreib! Ein paar Worte reichen“, so spricht dieses Schreib-ein-Kommentar Feld zu mir.


Übrigens: die Like-Taste bei Facebook und Yammer (siehe in der Abbildung) bewirkt ähnliches. Sie lässt sich ebenfalls mit Face-to-face Interaktionen vergleichen. Denn das Daumen-hoch-Zeichen ist durchaus ernst zu nehmen. Hier werden Gestik und Mimik der Bestätigung simuliert. Achtet mal darauf, wie wichtig bestätigende Ausdrucksformen während eines Gesprächs sind, um das Gespräch in bestimme Bahnen zu lenken. So ist es auch im WWW.

Und wieso wirken solche aus der realen Welt übernommenen Features auch im WWW? Dazu im nächsten Blogbeitrag mehr.

(Foto-Quelle: www.photoxpress.com)