Sep
18
2009

Microblogging in Innovationsnetzwerken

Auf der 7. Tagung “Vernetzt planen und produzieren” habe ich einige unserer Ideen zum Einsatz von Microblogging in Innovationsnetzwerken präsentiert. Das Interesse war groß und die Nachfragen rege, daher hier nun im Nachgang der Foliensatz und einige relevante Überlegungen aus unserem im Tagungsband veröffentlichten Paper.

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Prozesstransparenz und Ideendiffusion in Netzwerken – wie bewerkstelligen?

In Sachsen wird zur zur Stärkung von Innovationen erfolgreich Netzwerkarbeit betrieben. Als Beispiele gelten verschiedene Verbundinitiativen, wie die Verbundinitiativen Automobilzulieferer Sachsen AMZ, VEMAS, das Textilindustrienetzwerk Inntex sowie der Interessensverband Chemnitzer Maschinenbau e.V. u.a.m.

Die letzlich unbestrittenen Innovationseffekte von Netzwerken führen aus unserer Sicht nun auch zu konkreten Fragen an ein Innvationsmanagement auf einer prakatischen Instrumentenebene:

  • Wie kann konkret bewerkstelligt werden, dass Problemstellungen, Ideen und Innovationen aus Netzwerken in die einzelnen Unternehmen diffundieren und vice versa? Also inbesondere:
  • Mit welchen Tools lässt sich innerhalb von Netzwerken hohe Transparenz zu laufenden Prozessen in den beteiligten Unternehmen erzeugen?
  • Wie können Mitarbeiter in Unternehmensnetzwerken Informationen zu neuen Ideen und Vorhaben möglichst schnell und unkompliziert austauschen?

Gänzlich neuartige Bausteine für Wissenstransfer innerhalb von Innovationsnetzwerken abseits von arbeitsorganisatorischen Instrumenten und Qualifizierungsmaßnahmen, von Telefon und E-Mail finden sich im Bereich der Web 2.0 Technologien. Vielversprechend aus Sicht eines Innovationsmanagements in Netzwerken erscheint vor allem Microblogging.

Microblogging?

Microblogging-Dienste wie Twitter, Yammer, Communote, Socialcast und Laconica sind webbasierte Informations- und Kommunikationstools für praktisch unbegrenzt viele Teilnehmer. Das Prinzip von Microblogging auf den Punkt gebracht: Jeder Nutzer kann in einer Microblogging-Webanwendung kurze bis mittellange Nachrichten schreiben (inkl. Links, File-Anhänge, Bilder, Video usw.), die von anderen Nutzern je nach Interessenslage abonniert werden (channelbasierten Publish-Subscribe Technologie).

Diese Micronachrichten-Abonnements können vom Nutzer selbst auf vielfältige Art nach seinen Bedürfnissen sortiert und dargestellt werden, z.B. nach Gruppen / Teams / Projekten / Unternehmen / Kunden, aber auch zeitlich nach Stichworten, oder nach frei definierten Themen. Selbstverständlich sind direkte Antworten auf Postings wie auch geschütze Direktnachrichten zwischen den Nutzern möglich.

Statusmeldungen über das, was jemand gerade liest, über Probleme, die es in einem Projekt gibt, über Wasserstands­meldungen eines Workflows, aber auch Fragen an die Community – all dies lässt sich wie beispielsweise der Dienst Twitter und die Enterprise-Tools Yammer und Communote zeigen, mit Microblogging weitaus transparenter und effektiver verwirklichen, als mit allen bisher bekannten IT-Instrumentarien. Die etablierten Kommunikationsformen E-Mail, Telefon und Meetings werden dabei teils ersetzt, teils findet mit Microblogging auch Kommunikation statt, die ansonsten nicht stattgefunden hätte (siehe z.B. den Blogbeitrag von Stefan zu diesem Thema).

Erste Anwendungen von Microblogging in Unternehmen zeigen deutlich, dass sich Microblogging-Dienste erfolgreich und nutzenstiftend aus dem „freien Internet“ in Businessanwendung übertragen lassen. Ob dies auch für ein Innovationsmanagement in Netzwerken gelten kann, wird im folgenden diskutiert.

Potenziale von Microblogging in Innovationsnetzwerken

Die Pontenziale von Microblogging in Innovationsnetzwerken liegen in der Intensivierung des Wissensaustauschs. Sie geben den Mitarbeitern vernetzter Unternehmen die Möglichkeit,

a)    Problemstellungen und Ideen von Mitarbeitern anderer Unternehmen aus dem Netzwerk heraus in Form von kurzen Nachrichten zu empfangen und

b)    umgekehrt auch eigene Probleme und Ideen in das Netzwerk hinein zu senden.

Möglich wird dieser Informationsaustausch durch eine Reihe von technischen, arbeits­organisatorischen und psychologischen Besonderheiten der Nutzung von Microblogging. Insbesondere die folgenden Punkte sind für den Einsatz von  Microblogging in  Innovationsnetzwerken relevant:

  • Hohe technische Skalierbarkeit, Verfügbarkeit und Mobilität. Wie der Dienst Twitter mit täglich 310 Million Seitenaufrufen und 43 Millionen Seitenbesuchern zeigt, skaliert Microblogging-Technologie sehr gut und ist auch für größere Innovationsnetzwerke einsetzbar. Als Webservice können Microblogging Anwendungen auf allen webbrowserfähigen Geräten laufen, d.h. die Informationen können sehr schnell sehr viele Nutzer an vielen Orten erreichen. Je besser die Personen vernetzt sind und je größer das Netzwerk ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Statusmeldung jemanden erreicht, der diese Nachricht versteht und sie annimmt. Für ihn hat diese Nachricht dann einen informationellen Mehrwert, der sich letztenendes positiv für die Organisation bzw. das Unternehmen auswirkt. Innovationsmanagement, F&E Projekte, aber auch Risikomanagement, Compliance, Workflow-Management – jegliche Form der Wissensteilung profitiert von der Intelligenz der Masse, die sich durch Microblogging sehr effizient zusammenschalten lässt.
  • Einfachste Erstellung der Nachrichten direkt im Arbeitsprozess. Mehr Transparenz in Netzwerken heißt auch, dass relevante Informationen zu laufenden Prozessen und Ideen in den einzelnen Unternehmen von den Mitarbeitern überhaupt verschriftlicht werden. Gerade im operativen Projektgeschäft wird der Aufwand dazu oft als zu hoch empfunden. Microblogging senkt diese Schwellen gegenüber E-Mail weiter: sein Format ist mit einem kurzen Memo in Briefform vergleichbar, es sind keine Grußformeln nötig und auch keine Empfängerauswahl. Relevante Informationen können so extrem einfach und schnell eingegeben werden (gerade unter Zeitdruck). So entstehen zusätzliche Informationen zu laufenden Prozessen und Ideen, die praktisch automatisch in das Innovationsnetzwerk diffundieren können.
  • Unkomplizierte Gruppen- und Netzwerkbildung. Durch das Abo-Prinzip und Tagging können sich Mitarbeiter unternehmensübergreifend und nach aktuellem Bedarf extrem schnell und einfach verschalten. Dabei fällt weder Modellierungs- noch Programmieraufwand an. Natürlich sind auch geschützte Kommunikationsbereiche möglich, ebenso wie persönliche Direktnachrichten.
  • Schnelles Update neuer Netzwerkmitglieder. Neue Netzwerkteilnehmer können sehr schnell in laufende Prozesse und Diskussionen integriert werden, da alle bestehenden Konversationen unmittelbar nach Beitritt/Freischaltung verfügbar sind. Neue Partner müssen sich also nicht durch diverse E-Mail Ketten arbeiten, sondern finden alle relevanten Informationen zentral im Microblog vor.
  • Transparenz wird ohne Mehraufwand erreicht. Historisch gesehen ist Microblogging ein offenes Medium: die damit verfassten Nachrichten sind frei für alle abonnierbar. Bei E-Mail dagegen müssen Empfängerlisten aktiv angelegt und gepflegt werden, Offenheit erfordert also permanenten Mehraufwand.
  • Micro-Nachrichten lesen sich leichter und schneller als E-Mails. Denn Kurznachrichten zwingen zu prägnanter Formulierung und zur Konzentration auf Wesentliches. Ein betrieblicher Anwender: “Aus der eigenen Anwendung kann ich berichten, dass Microblogs deutlich schneller lesbar sind als E-Mails und gerade beim Einsatz in Projekten der E-Mail-Anteil in der Kommunikation spürbar gesunken ist und damit genügend Zeit fürs Microblogging frei wurde”.
  • Lese- und Reply-Erwartungen sind weniger stark als bei E-Mail. Micro-Nachrichten richten sich prinzipiell an eine Vielzahl von abonnierenden Empfängern im Netzwerk oder an definierte Personenkreise (wie Projektteams). Die direkte persönliche Ansprache a la E-Mail ist zwar auch möglich, aber eher die Ausnahme. Das qualifiziert Microblogging insbesondere dafür, Partner im Netzwerk, Kollegen im Team oder generell Interessenten im eigenen Unternehmen auf dem Laufenden zu halten, ohne dass diese ihrerseits unmittelbar auf diese Nachrichten reagieren müssen.
  • Keine Unterbrechung des Arbeitsflusses. Jedem Nutzer werden die abonnierten Nachrichten in seine persönlichen Ordner- und Lesestrukturen gepusht. Die Lesezeitpunkte kann er entsprechend seiner Arbeitsorganisation selbst wählen. Infolge der geänderten Verhaltenserwartungen handelt es sich bei Microblogging generell um eine near-time-Kommunikation; man antwortet, oder antwortet nicht, oder etwas später. E-Mail üben hier oftmals schon mehr Druck aus, unmittelbar zu reagieren. Telefon bzw. Instant Messaging unterbrechen Arbeitsprozesse sofort.
  • Keine Informationsüberlastung. Wie Dion Hinchcliffe in seinem Workshop im Rahmen des Theseus Symposiums 2009 (Berlin) völlig zutreffend zum Thema Informationsüberlastung anmerkte: “there is no information overload, there are filter problems!”. Microblogging-Software beherrscht neben klassischen Suchen (Begriffe im Volltext, Datum, etc.) vor allem Tagging (Schlagworte). Mittels Tags kann der Empfänger selbst extrem vielfältige und leistungsfähige automatische Ordnungs- und Filterfunktionen realisieren. Parallel dazu sorgt das flexible Abonnementprinzip dafür, dass nur Inhalte, die den Empfänger auch interessieren, ankommen.
  • Vielfältige Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung der Daten. Für die in den Netzwerk-Blogs vorhandenen Daten ergeben sich praktisch endlose Möglichkeiten der Weiterverarbeitung und Verdichtung in vielfältigsten Anwendungskontexten (betriebliche Dokumente, Arbeitspapiere für Ad-hoc-Umsetzungsprojekte etc.). Auch hier gilt: solche Daten kann man im Nachgang nicht oder nur sehr mühsam aus E-Mail Verteilern und sonstigen Dokumenten extrahieren.

Der Einsatz von Microblogging in Innovationsnetzwerken erscheint im Lichte dieser Betrachtungen als sehr lohnend, steht doch zu erwarten, dass der organisationsübergreifende Wissensfluss nach deutlich intensiviert werden kann. Dies ist vor allem neben der schnellen und unkomplizierten Nachrichtenerstellung im Arbeitsprozess auf das thematische oder personenbezogene Abonnement-Prinzip zurückzuführen: die potenziell interessierten Nachrichtenempfänger entscheiden selbst und jeden Tag neu, ob und welche Inhalte für sie relevant sind und wie diese Inhalte geordnet und dargestellt werden sollen. In der Folge bilden sich so sehr schnell thematisch oder persönlich orientierte Sub-Netzwerke mit hohem internem Commitment aus.

Signifikanter Mehraufwand für Kommunikation auf Seiten der partizipierenden Unternehmen ist bei der Etablierung von Microblogging nicht zu erwarten. Denn zum einen verlagert sich ohnehin bereits bestehender Aufwand für Informationserstellung aus Medien wie E-Mail und Textverarbeitung in den Microblog. Und zum anderen ist die Informationserstellung wie auch die -wahrnehmung aufgrund des kompakten Memoformats besonders effizient.

Hier das komplette Paper online:


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