Jun
05
2009

‘How to Do Things with Words’? (im Microblogging Universum)

How to Do Things with Words, so lautet der Titel eines Buches des bekannten Sprachwissenschaftlers John L. Austin aus den 1960er Jahren. Mit den Theorien in diesem Buch wurde der interessierten Fachwelt schlagartig bewusst, was sich bereits seit den 1920er Jahren in der akademischen Philosophie angedeutet hat: Sprechen bedeutet Handeln.

Aber was soll das denn heißen? Das wird im Folgenden schnell klar:

  • In Mannheim halten mehr IC-Züge als in Frankfurt
  • Ich nehme die hier anwesende XY zur Frau
  • Ich befehle dir, Holz zu holen

Drei unterschiedliche sprachliche Äußerungen (entnommen aus Harras: Handlungssprache und Sprechhandlung). Wir sehen gleich, dass sie sehr unterschiedliche Funktionen haben:

  • Ich stelle fest, dass in Mannheim ….
  • Ich beabsichtige, die hier anwesende xy zur Frau zu nehmen
  • Ich befehle dir, Holz zu holen

Die Handlungen sind dann also: eine Feststellung, eine Absichtserklärungen, ein Befehl. Es gibt viele weitere mögliche Sprechhandlungen (z.B. versprechen, warnen, fragen, etc.).

Aber wieso ist das wichtig für das Microblogging?

In verschiedenen Blogs wurde bereits darauf hingewiesen, dass mit dem Zwitschern auf Twitter unterschiedliche Funktionen ausgeübt werden. Der Begriff der phatischen Kommunikation ist hier erhellend (siehe z.B. bei Jana Herwig oder bei Michael Gross). Mit phatischer Kommunikation bewirkt man auf Twitter ähnliche Effekte wie mit den uns allseits bekannten Small-Talk Kommunikationen.

02Beispielsweise hat die Bemerkung “schönes Wetter heute” bei einer zufälligen bilateralen persönlichen Begegnung eine ähnliche Wirkung, wie wenn ich auf Twitter schreibe: “bin heute im Büro und lasse mich inspirieren”. Beide Äußerungen bedeuten, dass man anwesend, und für eine Folgekommunikation offen ist. Aber bereits eine weniger deutliche Formulierung kann diese Funktion erfüllen. Z.B. hat bereits die Äußerung “heute morgen schmeckt der Kaffee mies” die Funktion, mitzuteilen, dass man Mitglied des Netzwerks ist und dass man bitte nicht vergessen werden solle.

Bei Twitter sollte man das Ausmaß solch phatischer Kommunikation nicht übertreiben. Beim corporative microblogging ist dies ohnehin ohne großen Belang – aus Sicht der Organisation jedenfalls. Statusmeldungen sollten hier für eine funktionale Transparenz sorgen. Einige Beispiele nennt der Entwickler von Communote, Dirk Röhrborn,  im Interview mit Joachim Niemeier.

In Unternehmen sollte also die Informationsvermittlung bestimmend sein für das Microblogging. Dass alle Mitarbeiter auch Netzwerkteilnehmer sind, ist ohnehin klar. So etwas muss nicht eigens kommuniziert zu werden.

Informationen vs. phatische Kommunikation

In meinem Blogbeitrag über unwahrscheinliche Kommunikation habe ich darauf hingewiesen, dass Microblogging in Bezug auf  das Aufrechterhalten von Kommunikationsprozessen ein vergleichsweise konfliktarmes Tool ist (weil man nicht immer gleich anworten muss usw.). Die Tatsache aber, dass es mehr als andere IT-Tools die Möglichkeit eröffnet, phatische Kommunikation zu betreiben, birgt Einiges an Konfliktpotential.

Austin zufolge sind Sprechhandlungen wie das ‘Informieren’, das ‘Identifizieren’ oder das ‘Beschreiben’ dadurch gekennzeichnet, dass sie mit den Attributen wahr/falsch bzw. zutreffend/nicht zutreffend versehen werden können. Hierdurch unterscheiden sie sich von phatischer Kommunikation, bei welcher “das Wetter ist schön” zwar auch eine zustimmbare bzw. widerlegbare Festellung sein kann. Dies steht aber nicht im Vordergrund, sondern der Wunsch zur Kontaktaufnahme.

Gefährlich kann es werden, wenn Sprechhandlungen bzw. Kommunikationsakte (also auch Microblog-Beiträge) beim Rezipienten Gefühle auslösen, ohne dass die Beurteilungskriterien wahr/falsch bzw. zutreffend/nicht zutreffend in der Nachricht vorhanden sind. Die offensichtlichsten Sprechhandlungen sind hier etwa: Beleidigungen, Beschimpfungen, Drohungen.

Aber auch subtilere Kommunikationsakte können sich negativ auf das Betriebsklima auswirken. Sehen wir uns oben die Beispielsätze an, dann fallen uns womöglich viele versteckte Befehle und Aufforderungen ein (z.B. “Wie wäre es, wenn du …” oder noch subtiler: “Ich habe das bereits gestern getan!”), oder auch falsche Versprechen, versteckte Verunglimpfungen usw.

Im Grunde ist alles problematisch, was keinen im Sinne der Organisation fungierenden Mehrwert für die Rezipienten hat. Hier sollte man im Vorfeld der Etablierung von Microblogging einige Mühe darauf verwenden, ein allgemeines Agreement dafür zu finden, was gebloggt werden sollte und was nicht. Denn das Microblogging sollte es ja gerade ermöglichen, Informationen, von denen man nicht weiß, ob sie für jemanden wichtig sein könnten, dennoch posten zu können.

01Das können hin und wieder auch phatische Nachrichten sein, wenn hierdurch eine Transparenz entsteht, die für alle aktzeptabel ist. Ich denke z.B. daran, dass sich mit Statusmeldungen über die gegenwärtige Befindlichkeit des einzelnen Mitarbeiters unternehmensinterne Ressourcen und Kapazitäten feingranular austarieren lassen, ohne dass die Aufteilung hierarchisch von oben verordnet werden muss. Hiervon kann jeder profitieren. Diese Form der Kommunikation ist aber nur sehr schwer zu verwirklichen. Sie kann beispielsweise auch ausgenutzt werden, um sich zu profilieren – z.B. indem jemand häufig abends um 19:00 Uhr durch phatische Kommunikation noch den Eindruck erweckt, er wäre noch lange nicht fertig mit seinem Arbeitspensum bzw. besonderen Arbeitseinsatz demonstriert. Über kurz oder lang kann dies zu Konflikten führen. Eine ganz pragmatische technische Entschärfung wäre z.B., in den Micro-Beiträgen den Zeitstempel zu entfernen oder auf Tagesgenauigkeit zu vergröbern.

Fazit

03Für das Microblogging im professionellen Umfeld bedeutet dies also, dass die Community darauf achten sollte, überwiegend solche Microblog-Beiträge in ihrem System zu haben, die über einen Informationswert verfügen und mit wahr/falsch attributierbar sind. Für den Einsatz von phatischer Kommunikation sollte man im Vorfeld eine gemeinsame und für alle akzeptable Basis zu finden versuchen darüber, in welchem Umfang sie stattfinden darf und sollte, und welche Inhalte von vorne herein ausgeschlossen sein sollten. Die Umsetzung kann einerseits in Form von technischen Lösungen erfolgen (siehe z.B. Zeitstempel), andererseits können Workshops, Absichtserklärungen und Verabredungen hilfreich sein.

Grafiken aus stockxchng

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